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15 Minuten Spontane Gedankenausnahme zum Thema Weblog.

Beim durchstöbern von "random journals" stieß ich auf die Aufforderung bei [Bad username: Exotheriker"], spontan für 15 Minuten alles aufzuschreiben, was mir zum Thema "Online-Journal Service - Weblog" einfiel. Ich fand die Idee lustig.

Wenn in einem vernetzten System irgendwo eine Information ausgeworfen wird, verbreitet sich diese über die Knotenpunkte in alle Richtungen und selbst wenn nicht alles Knotenpunkte die Information aufnehmen oder weiterleiten, wird die Information an eine Vielzahl von Rezipienten gehen, die von weder vom Sender der Information, noch von der Ursache eine Ahnung haben. Verwirrt wird dieses System, für dessen Berechnung es eine Vielzahl von mathematischen Formeln gibt, wenn an den Knotenpunkten die Information auch zu einer Reaktion führt, die als neue Information wieder ins Netz eingespeist wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Reaktion und Information ohne entsprechende Kennzeichnung am Ende von einem Empfänger als zusammengehörig empfunden werden ist gering, wenn der Rezipient nicht durch Nähe zu den beiden Informationsgebern eine relative Chance hat, die Struktur der beiden Äußerungen zu durchschauen. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass Dritte auf die Sekundärreaktion reagieren ohne die auslösende Information zu kennen hoch. Ein Phänomen wie es auch in einer Community wie dieser häufig zu beobachten ist. Man schreibt einen Eintrag und löst damit eine Kettenreaktion aus, die nicht mehr vom Schreiber eines Eintrages zu steuern ist. Warum also macht man einen Eintrag, dessen Wirkung unvorhersehbar ist und dessen Rezipienten ich nicht bestimmen kann (außer bei nicht öffentlichen Einträgen)? Die Funktion eines Tagebuches, intime Gedanken aufzunehmen, wird im Livejournal konterkariert. Statt private Sammelstelle für Nichtsagbares zu ein, verströmt das webweite Tageslog die Gedanken und Gefühle und schafft ein Netz scheinbarer Nähe, scheinbarer Intimität, in der sich Fremde begegnen und zu kennen glauben, die sich niemals sehen und keinerlei Einblick in den Wahrheitsgehalt von Einträgen haben. Statt als Ort der Sammlung zu fungieren wird das Tagebuch zum Ort des Verströmens, der Dispersion. Kunstpersonen entstehen genau wie Persönlichkeitsabbilder, die schwer voneinander zu unterscheiden sind. Das Leben wird öffentlich, die Privatsphäre erhält Fenster, die Einblicke ermöglichen in Abgründe und auf Fassaden. Das Biedermeier findet endlich ein Ende wenn nicht muttersprachige Einträge entstehen, damit die Möglichkeit geschaffen wird, mehr Kommentare zu erhalten, das Leben ist erst gelebt, wenn es öffentlich ist, das Gefühlte ist erst real, wenn es geteilt ist, wenn es veröffentlicht worden ist. Die 15 Minuten Ruhm eines Andy Warhols werden hier zu einem 24-Stunden-Auftritt in der Öffentlichkeit. Die Liebe wird in der Anzahl der Kommentare, der virtuellen Umarmungen und Streicheleinheiten gemessen, die zu zählen es Counter gibt, die das kollektive Mitgefühl messbar machen und zur Wettkampfdisziplin erhöhen. Dabei bietet das öffentliche Tagebuch die einmalige Gelegenheit, Kontakt und Verbundenheit zu Menschen herzustellen und zu halten, die man ohne dieses organisierte, systematisch durchsuchbare Biotop nie gefunden hätte, da nur im Netz das Kennenlernen vor dem Ansprechen erfolgen kann, indem Parameter des persönlichen Geschmacks wie Nationalflaggen oder Uniformfarben öffentlich gezeigt werden und der Identifikation dienen. Alter, Geschlecht, Herkunft werden aufgelöst, der Mensch wird auf das, was er zeigt, zu zeigen bereit ist, ist, sein will reduziert und somit frei. Er stellt sich als Ware ins Schaufenster der Möglichkeiten und findet so den Interessenten, der sonst vorbeigegangen wäre und hat die Möglichkeit, über eine Datenleitung eine Beziehung aufzubauen, die ihre Fortsetzung sogar in der Wirklichkeit überleben kann, solange ...

Tja, da waren meine 15 Minuten um :-)
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