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Honi soit qui mal y pense*



Einige Bemerkungen der letzten Zeit (hier im LJ besonders von vout und oloriel) haben mich dazu gebracht, mir Gedanken über eine eigentlich naheliegende Frage zu machen:

Welche Chance hat der homus Bloggerus eigentlich, verstanden zu werden?
Welche Kontrolle hat er darüber, dass das, was er sagt, auch so, wie er es gemeint hat, ankommt?

Eigentlich doch: Keine.

Es gibt den lange bekannten Dreiklang:
Intention – Aussage – Interpretation
Gemeint – gesagt – gehört

Leider ist die Sprache des modernen Menschen zur Kommunikation nur sehr begrenzt geeignet. Ein weitverbreiteter Irrtum, gegen den Sprachwissenschaftler vergebens ankämpfen, besteht darin zu glauben, dass Sprache präzise wäre.

Ein Beispiel: Ich gehe.
Kürzer geht es kaum. Aber präzise?
Äußerst unpräzise.
Eine Tätigkeitsbeschreibung?
- ich gehe ... jetzt.
Eine Drohung?
- ich gehe ... zu Mama zurück.
Ein Versprechen?
- ich gehe ... den Müll wegbringen.
Eine Absichtserklärung?
- ich gehe ... morgen.

Mehr Worte, weniger Klarheit. Die Wortfolge was – wollen – sie – schon – wieder + Fragezeichen, kann entweder der gestöhnte Protest einer Servicekraft sein. (Was wollen SIE schon wieder?) oder aber auch die wortgewordene Überraschung einer Dame des horizontalen Gewerbes (Was? Wollen sie SCHON wieder?)

Vor den Empfang des Wortes haben die Götter zwei Filter geschoben. Meine schwere Kindheit und deine. Meine Sozialisation und deine.

Abhängig von Schicht, Region, Jahrgang differiert schon die Bedeutung von Substantiven.
Schon mal versucht, in der Pfalz beim Bäcker Teilchen* zu kaufen?

Adjektive will ich gar nicht anführen.

Sogar ganze Phrasen unterscheiden sich in ihrer Bedeutung ohne erkennbare Deutungshilfe. Das ist ja der Hammer.
Ja, ne?
Aber ist das gut oder schlecht?
Weder Werbung noch Duden können sich da einigen.

*Teilchen sind in der Pfalz Kaffeestücken oder Kuchenstückchen, werden auch als Kleingebäck bezeichnet, sind süß und werden einzeln gebacken und nicht von irgendwelchen größeren Kuchen oder Torten abgeschnitten.

Soweit so gültig für Real Life sowie für jede schriftliche Kommunikationsform.

Und, wird der erfahrene Blogger jetzt anmerken, und dann fehlen noch Gesichtsausdruck und Tonfall.

An dieser Stelle möchte ich diese Aussage ins Reich der urbanen Mythen verweisen.
So oft wie die fehlende Mimik Klarheit über die Intention verweigert, so oft ermöglicht sie auch erst Objektivität.
„Du lächelst genauso höhnisch wie meine Mutter!“ oder „Du ziehst die Augenbraue genau so arrogant hoch wie mein Vater!“ kann den wohlmeinenden Menschen schon mal kalt erwischen.

Überhaupt die Übergestalten der Vergangenheit!

Was kann der unschuldig Kommunizierende denn wissen darüber – oder was kann er dafür! – dass sein Gegenüber sich nicht freimachen kann von diesen Schatten. (Genau wie anders herum). Wie will man sich wappnen dagegen, Nerven zu treffen, die jemand anderes bloßgelegt hat?

Gewiss ... mit ein bisschen Menschenkenntnis, Lebenserfahrung und IQ kann man viele dieser Mechanismen erkennen.

Aber für mich (und das ist meine persönliche Ansicht) habe ich beschlossen, das nicht ad infinitum zu tun bei erwachsenen Menschen. Irgendwann ist jeder (der nicht krank ist – ganz andere Baustelle*) für sich und sein Leben verantwortlich und sollte seine eigenen Triggerpunkte wenigstens kennen, wenn er sie schon nicht außer Kraft setzen kann.

Denn auch wenn ich sehe, was dahinter steckt, warum Worte bei meinem Gegenüber allergische Reaktionen auslösen, dann bleibt ein Abwägen: wer gibt sich (mehr) Mühe – und wie lange?
Wie lange ist es angebracht, dass ich mir die Mühe der „Umrechnung meiner Worte/meiner Botschaft in einen für den Rezipienten idealen Code“ mache und wann kann der andere auch mal den „Translator“ anwerfen und meine Worte vor dem Hintergrund einer positiven Grundannahme und unbeschattet von Verletzungen betrachtet, für die ich nichts kann?

Das ist eine sehr, sehr schwierige Frage.

Für mich.

Natürlich würde ein „Gut-Mensch“ sehr lange anführen „er ist doch so“ und sich Mühe geben. (Gut-Mensch ist nicht abfällig gemeint). Es gibt Menschen, denen macht so etwas Spaß und das gute Gefühl, dass sie daraus ziehen, entschädigt sie reichlich für alle Mühen.

Aber für mich ist „er/sie ist doch so“ (wahlweise auch: „er/sie kann doch nicht anders!“) nur begrenzt ein Freibrief, dass alles bleiben kann wie es ist.

Natürlich gibt es am Anfang einer Beziehung immer eine Menge Unwissenheit, der man mit einem Vertrauensvorschuss und einer gehörigen Portion Neugierde begegnen sollte.
Natürlich kann der andere (oder auch ich) nur was ändern oder erklären oder anpassen, wenn er (oder ich) Bescheid weiß. Gespräche, Fragen, Offenheit sind dann ganz wichtig. „Stumm Handwerk“ führt zu Bombenfunden in der Zukunft, deren Sprengkraft keiner einschätzen kann.

Wie weit aber geht jeder der beiden Gesprächspartner?
Wieviel Mühe gibt sich jeder?

Ich weiß darauf keine allgemeingültige Antwort.
Ich kann es nur für mich beantworten.
Zum einen muss man erstmal sehen, wo die Mühe überhaupt anfängt.
Dann kommt es darauf an, wie wichtig mir der Mensch mir gegenüber ist. Bin ich heiß verliebt, verbieg ich meine Antennen natürlich total, zur Not bis sie Herzform haben.
Dann kommt es darauf an, wie wichtig mir die Sache ist.
Will ich, dass der andere das versteht, gebe ich mir natürlich mehr Mühe.
Das heißt, auch wenn es einen Kraft- und Energieaufwand bedeutet, kann ich es gerne (weil es mir wichtig ist) versuchen, meine Aussage so zu verpacken, zu erklären, dass sie auch beim anderen ankommt und er sie auch annehmen kann ohne Gesichtsverlust – und das ich das tue, ist meine freie Wahl.

Aber irgendwann kann es passieren, dass ich zu solcher Übersetzung meiner Gedanken in Worte, die nicht meine sind, keine Lust, keine Kraft, keine Inspiration mehr habe.
Die Gründe dafür sind vielfältig.

Der „dümmste“ ist der, dass ich die Kraft nicht mehr habe, weil ich sie auf einem anderen Schlachtfeld (z.B. bei einer stressigen Arbeitswoche) verbraucht habe. Das sollte nicht passieren – und ich denke dafür sollte/könnte man Verständnis haben und es durchgehen lassen.

Der häufigste Grund ist der, dass ich mir irgendwann sage: wenn immer dieses Umcodieren nötig ist, dann „passt“ es vielleicht einfach nicht. Dann sind wir vielleicht einfach zu verschieden.

Das muss nicht damit zusammen fallen, dass ich von dem anderen dann weniger halte (anders ist ja nicht schlecht) – aber mir gibt der Kontakt dann nicht mehr genug, als dass ich den Aufwand, den ich betreibe, noch für gerechtfertigt ansehe.
Es kann aber natürlich auch sein, dass ich in dem anderen etwas sehe, womit ich anfangs nicht gerechnet habe, und was mich wirklich abstößt.

Niemand muss sich aber für mich verändern (unabhängig davon, ob das überhaupt möglich wäre). Vielleicht findet jemand, eine meiner Ansichten gut und ändert seine dementsprechend – weil es ihm ein Bedürfnis ist oder weil er denkt, dass er so vielleicht grundsätzlich besser fährt.
Ich übernehme nicht die Verantwortung für andere Leute.
Ich bin auch kein allgemeingültiger Maßstab.

Ich freue mich, wenn jemand meine Ansichten gut findet, aber das ist was anderes.

*(Zum „Krankheitsfall“: ich habe einige Erfahrung im Umgang und Zusammenleben mit „psychisch Kranken“. Ich respektiere diese Menschen und ihre Krankheiten.
Depression ist eine Krankheit.
Aber ich bin kein Arzt. Ich kann ein Freund sein, aber einen Therapeuten kann ich nicht ersetzen. Es hat lange gedauert, bis ich mir dieses „Manko“ zugestanden habe, aber es ist so. Ich kann ja auch keinen Blinddarm operieren. Trotz dieser Erkenntnis tendiere ich immer noch dazu, mich zu stark zu engagieren. Um diese Gefahr für mich gering zu halten, bin ich sehr zurückhaltend in diesem Zusammenhang.)

Diese längere Ausführung über die Intentionen, die Motivationen für den Versuch einer möglichst klaren Ausdrucksform ist jetzt erstmal zu Ende.

Wieder in medias res, wie man die Kommunikation zwischen Menschen live und online gestalten kann.

Man sollte auf jeden Fall versuchen, sich klar auszudrücken.

Aber ...

Es gibt die bizarrsten Interpretationen, die Menschen durchführen.

„Liebe/r“ wird zum Hohn, „ehrlich“ muss man betonen und erklären, das versöhnliche „nur meiner Meinung nach“ wird zur Arroganz, „Opfer“ ist eine Anklage.
Und das hoch Zwei.

Sowohl Sender als auch Empfänger können dieses perfide Spiel mit der Sprache spielen.
Wobei ich als Sender nicht für die Interpretationen des anderen alleine verantwortlich bin. Und anders rum.
Dazu gehören zwei.

Und sogar noch eine dritte Potenz kommt dazu, wenn Dritte sich einschalten. Unwissende, im besten Falle neutrale Zuhörer und Mitleser, die im besten Wollen ihre Interpretationen und Meinungen dazu geben, Seilschaften, spontan zusammen gefunden oder langjährig erprobt, werden zu Fankurven, aus denen grimmige Schlachtgesänge ertönen, die die Gegenpartei in den Staub zwingen und die eigenen Mannen in den Himmel heben sollen.

Dann werden sehr schnell Stellvertreterdiskussionen geführt, die vom Kernproblem ablenken.

Und schon liegt die arme Intention unter dreckigen Schichten von Kampfrhetorik, Beschimpfungen, Egozentrik und Selbstdarstellung begraben, deformiert, kam noch erkenntlich, vergessen.

Also ... Schweigen im Walde?

Viel Hoffnung gibt es in meinen Augen nicht. Die Suche nach dem Sündenbock ersetzt die Suche nach der Wahrheit, die Schuld-Frage wird wichtiger als die Frage nach dem 'wie es weiter geht'?

Aber das ist sie, die Hoffnung, die ich habe:
Die Frage, dieses elegante Mittel zur Reduktion von Missverständnissen.

Nur – sie muss schon gestellt werden und der Befragte muss sie beantworten, wenn sie wirken soll.

Frage: was ist eine Frage?

Schlicht möchte ich sagen: sie beginnt mit einem Fragewort (man erinnert sich, diese W-Worte: Wer? Was? Warum? Wieso? usw.) oder auch mit einem Verb (z.B. Kannst ...?, Möchtest ...?, Meinst...?, Willst ... ? usw.) und auf jeden Fall steht am Ende ein Fragezeichen..

Hinweis: „Ich habe Durst!“ ist nicht gleichbedeutend mit der Frage: „Bringst du mir (bitte) ein Glas Wasser aus der Küche mit?“
Genausowenig ersetzt ein „Ich verstehe dich nicht!“ ein „Erklärst du mir, was du meinst?“ oder ein „Verstehe ich richtig, dass ....?“. Allerdings kann „Erklärst du mir, was du meinst?“ durch die Bitte substituiert werden: „Erkläre mir bitte, was du meinst!“

Weder eine Frage, noch eine Bitte sind eine Schande.
Nicht wissen ist auch keine Schande.
Auch ein Fehler ist keine Schande.

Eine Schande ist es m.E. nur, nicht nach Wissen zu streben oder Fehler nicht einzugestehen oder wiedergutmachen zu wollen.

Jeder Mensch macht Fehler. Das ist menschlich. Ihn dafür zu verdammen, ist unmenschlich. Auch wenn man mit sich selbst so ins Gericht geht.
Nach der Vollkommenheit kommt in einem dynamischen Universum nur noch der Zerfall... um mal einen weisen Satz, der mir sehr geholfen hat, zu zitieren.

Darum sind Fehler (ohne sie hochloben zu wollen) Mist, der auch Dünger sein kann. Wenn der Fehler und seine Ursache lokalisiert sind, kann man an ihnen arbeiten.

Darum sollte die Antwort auf eine Frage nicht im Versuch besteht, den Frager zu demontieren, ihm die Kompetenz für die Frage abzusprechen oder ihm böse Absicht bei der Fragestellung zu unterstellen.

Wenn die Frage einen zum Nachdenken bringe, kann man sich in auch mal an der eigenen Nase fassen und einen Standpunkt überdenken.

Allerdings sollte die Frage auch so gestellt sein, dass ein Einlenken nicht eine persönliche Niederlage ist. „Meinst du nicht auch, dass dein Verhalten dämlich ist?“ ist eine Frage, die im zwischenmenschlichen Bereich zurückgewiesen werden kann.

Durchaus legitim finde ich es auch, wenn eine Frage mit einer Gegenfrage über die Intention des Fragers konfrontiert wird. Allerdings ersetzt eine Gegenfrage nicht grundsätzlich eine Antwort.

Eine Antwort kann auch darauf hinzuweisen, dass die Grundannahmen hinter der Frage nicht zutreffen (unzutreffende Kritik muss nicht immer auf böse Absicht zurückgehen, meistens sind es einfach Irrtümer).

Beileibe nicht jeden Fehler kann man ausmerzen.
Aber wenn man dem Fehler mit den Mitteln der Kommunikation seinen Schrecken genommen und ihn vom Menschen getrennt hat, dann kann man ihn benennen, ihn bewerten und sich entscheiden, ob man ihn kurieren oder tolerieren kann oder ob man ihn isoliert – sprich weiteren Kontakt mit einem Menschen, bei dem Irrtümer und Irritationen vorprogrammiert sind, unterlässt.


Dies ist der Versuch eines sachlichen Textes, aber kein unpersönlicher Text. So gut wie jeden Fehler, den ich nannte, habe ich auch gemacht. Darauf will ich mich nicht ausruhen, ich will aus Fehlern lernen – und ich weiß, ich lerne nie aus.
So sonderbar das klingen mag, mir ist es immer noch lieber, ein Fehler liegt bei mir. Denn daran kann ich direkt was ändern, wenn ich nie damit aufhöre, mich in Frage zu stellen.
Ich habe vielleicht Worte gewählt, die dem einen zu buchhalterisch/kühl, dem anderen aber zu schwülstig klingen.
Ich hab so drei Bücher gelesen (Die Bibel, Lord of the Rings und den DTV Atlas Baugeschichte oder so) und diese prägen mich genau wie die, ich eben nicht gelesen habe. Ich habe mir einfach meine Gedanken gemacht – und sie so, wie ich sie verständlich finde, hingeschrieben.

Sie sind nicht als Angriff und auch nicht als Rechtfertigung gedacht (obwohl ich ... s.o. nichts dagegen tun kann, wenn jemand sie so interpretiert – außer dass ich es jetzt nochmals explizit drunter schreibe).

Ich habe keine Kompetenz, zu behaupten, dass das, was ich geschrieben habe, richtig ist – außer der, dass ich es so fühle – und ich bin eigentlich jederzeit bereit, zu überdenken, was meine Prinzipien sind.

Und ja .. ich bin sowohl ein Prinzipienreiter als auch ein Schwätzer als auch theatralisch-pathetisch.
Tags: leben
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