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Zorn
zorn

14

Schlag, zurück, Schild, abwehren, vor, Schlag, zurück, Schild, abwehren, vor ...

Der Überfall auf die fünf Späher der Renegaten schien eine endlose Abfolge von Schlägen und Paraden zu sein und als die Verräter aus Wu-Shalin endlich niedergerungen waren, dauerte es einen Moment, bevor der junge Mann es glauben konnte.

Zorn ließ den Schild sinken, wischte sich mit dem Unterarm über die schweißnasse Stirn. Was immer er geglaubt hatte, wie immer er sich (oder der Onkel von der Küste ihn) eingeschätzt hatte, hier in der Schlacht war er einer von vielen, und die meisten seiner Gefährten waren besser.

Gut, die meisten waren besser als er und älter, oder besser als er und wenigstens länger ausgebildet, aber immer noch waren sie besser als er.
Wenn sie nicht immer wieder auch Schläge abfangen würden, die ihm gegolten hatten, wäre er schon tot, das wusste er.

Das nagte an ihm.
Aber eigentlich nagte an ihm viel mehr, dass er ...alleine, einzeln war.
Rekruten der Garde begannen zu zweit – und blieben zu zweit. Sie lebten zusammen, sie trainierten und kämpften zusammen – und sie starben zusammen. Es war vorgekommen, dass ein Gardist starb und sein Waffenbruder überlebte. Ein paar dieser bitteren, einsamen Männer gab es. Sie gaben Essen aus, pflegten die Ausrüstung, aber die meisten wurden nicht alt. Sie starben in der nächsten Schlacht, so verwundbar wie ein Einbeiniger, ein Einäugiger, ein Einarmiger.
Es war einfach so: ein Gardist war zu zweit oder tot.
Und da Zorn weder zu zweit noch tot war, blieb nur ein Schluss: er war kein Gardist.

Da half es auch nicht, dass er Seite an Seite mit seinen Mentoren und den anderen Gardisten kämpfte gegen die Renegaten aus den blauen Wäldern.

Fast im Gegenteil.

Es tat weh zu beobachten, wie die beiden sich im Kampf unterstützten und sich ihr Leben eingerichtet hatten, wie sie wie ein Mann kämpften und an den Tagen, an denen die Truppe ausruhen konnte, vertraut und trotz aller Ruppigkeit von Pamaq harmonisch die Zeit nutzten. Yuris Charme war immer ein Gegengewicht gegen den mürrischen Ekairing. Und wenn die Tage schwer zu ertragen waren, so waren die Nächte eine Tortur.

Wenn er auf seinem Lager lag und mitbekam, wie Pamaq auf Yuris Lager stieg – und am Ende dann auch auf Yuri, dann half es auch nichts, wenn er die Decke über die Ohren zog. Zu ungehemmt und lautstark trieben es die beiden Männer.

“Träumst du schon von der nächsten Schlacht?”, neckte ihn Yuri, gab ihm einen Klaps auf die Schulter. “Komm, gehen wir zurück und nehmen ein Bad, du stinkst sonst heute Nacht wie ein Frettchen!”
“Was immer auch ein Frettchen ist”, maulte Zorn, folgte dem Krieger aber doch.
Pamaq brummte nur und folgte den zwei Schwätzern zurück zum Stützpunkt der Garde, den sie hier in den verwunschenen Wäldern von Wu-Shalin aufgebaut hatten.

Immer wieder trafen die Späher der Garde auf Soldaten, die einst zum Heer Iiringois gehört hatten, dann aber der Renegatin Syldr'a-Naraber nach Wu-Shalin gefolgt waren. Wenn die Kundschafter auf ein solches Vipern-Nest stießen, dann wurden die Truppen in Bewegung gesetzt und die Anhänger der Substanz von Mhijn vernichtet.

Wenn die Kundschafter aber auf feindliche Truppen stießen, die aus so wenigen Männern bestanden, wie dieses Trüppchen, dessen Tote nun auf dem Boden lagen, dann machten sich Krieger wie Yuri und Pamak nicht mehr die Mühe, noch Verstärkung zu holen.
Dann griffen sie an – und Zorn tat ihnen nach.
Es tat weh, gegen Männer zu kämpfen, mit denen man einst Seite an Seite gestanden hatte, aber die Verräter hatten sich von Thothamon abgewandt und so verdienten sie den Tod.

Alles würde sich ändern, wenn sie nach Aleija-Kish vorgedrungen waren, die Stadt, die wie eine düstere Krone über den Blauen Wäldern thronte. Dann würde das Heer nicht mehr die Muße haben, Zelte aufzubauen, Palisaden zu errichten. Dann würden die Verluste, die jetzt vereinzelt zu beklagen waren, zunehmen, dann würden sie nicht mehr über die Angriffe von Tieren klagen, dann würden sie um ihr Leben kämpfen.

Daran, dass sie siegen würden, bestand kein Zweifel, denn der Theokrat hatte sie geschickt und sie kämpften mit Thothamons Segen, aber es würde schwieriger werden.


Auch die Monate in Ankhor hatte Zorns Begeisterung für Wärme noch nicht gedämpft, auch wenn die meisten Kämpfer über die schwüle Wärme hier stöhnten. So folgte er Yuris ins Bad, sah dem anderen dabei zu, wie er sich in der Dämmerung des Zeltes, das man extra für die Zuber aufgeschlagen hatte, entkleidete.

Pamaq war die ehrenvolle Aufgabe zugefallen, Bericht über den Zwischenfall zu erstatten.

Yuri war hellhäutig und seine Körper war fleischiger als der seines Bruders Pamaq, der zäh und hager war. Aber vor allem war er muskulös und unter der glatten Haut bewegten sich die Muskeln geschmeidig.
Unter der leichten Rüstung der Gardekrieger hatten sich kleine Blessuren verborgen, Platzwunden, Kratzer, so dass auf der schweißnassen Haut auch dunkle Flecken zu sehen waren, als der Krieger schließlich daran ging, sich mit Wasser aus einem Krug und einem Lappen zu reinigen, bevor er in die Wanne aus Leder stieg.
Zorn ertappte sich dabei, wie er die Geschmeidigkeit und die männliche Schönheit seines Mentors bewunderte und den eigenen Lappen vergessen in der Hand hielt. Monate der Nähe und Selbstverständlichkeit hatte in ihm kein Verlangen nach Yuri ausgelöst, aber er sah den Älteren gerne an und genoss seine Gesellschaft ungeniert.

„Kommt rein, bevor du ne Latte kriegst, weil ich so schön bin“, grinste Yuri und Zorn schreckte aus seiner Versunkenheit aus und kam ebenfalls nackt zu dem Gardisten.

Das Wasser war lauwarm, aber mehr brauchte es für die Nordkrieger auch nicht, zumal, wenn ihre Umgebung butterschmelzwarm war. Die Schwitzzelte wurden kaum noch aufgebaut, wenn gelagert wurde, aber baden taten die Ankhorer immer noch gerne.

Zorn schloss die Augen und rutschte tiefer, bis er bis zum Kinn im Wasser lag. Er lag fast waagerecht nun und seine Knie ragten wie kleine, weiße Inseln aus dem Wasser, aber das war ihm egal.
Die Schmerzen wurden von dem seifigen Wasser abgewaschen und bleierne Müdigkeit sickerte in seine Knochen. Der Feldzug zerrte an ihm.

„Das war ja eher nur ein kleines Scharmützel“, meinte Yuri und seine sonore Stimme schlich sich in Zorns Gedanken.
„Hm...“
„Nur ein Vorgeplänkel zu dem, was noch kommt...“

Ohne Zweifel spürte Zorn, dass ihn etwas an der Wade berührte. Es fuhr unter Wasser sein Bein entlang, strich über die glatte Haut.
Da selbst in einer verwunschenen Gegend wie Wu-Shalin keine Aale im Badewasser gediehen, war sich Zorn sehr sicher, dass es Yuri war, der ihn da streichelte.

„Die wirklich großen Sachen, die kommen erst noch“, murmelte Yuri und Zorn öffnete die Augen einen Spalt um den Gardisten anzusehen. Unter den Wimpern erkannte er im Gegenlicht nur die Silhouette des blonden Kopfes, sah ein paar leuchtende Strähnen, während die Finger nun seinen Oberschenkel berührten.

„Ist ... ist das so?“

Im Wasser wirkten die Berührungen noch
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