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Stempel, Fahrkarte und die letzten Tage

Ja.
Vollbracht.
Soeben habe ich mein letztes Weihnachtsgeschenk in den Copy-Shop zur Endverarbeitung gebracht.
Meine Koffer sind zwar noch nicht gepackt, aber das, was heute Abend mit in den Zug soll, steht mehr oder weniger (also weniger) ordentlich neben dem Koffer.
Wenn ich nachrechne, habe ich mal wieder einen Satz Unterwäsche mehr, als ich brauche, und ein Oberteil mehr, als ich Tage bleibe, eingepackt. Zur Sicherheit, und als wenn meine Freundin keine Waschmaschine hätte (und als wenn ich nicht bereits einen Depot an zurückgelassenen Wäschestücke in H. angesammelt hätte).
Natürlich wird nachher wieder nicht alles so passen, wie es soll, und ich werde fluchen, was das überhaupt alles für Zeug ist, was ich da in meinen "Handgepäck-Koffer"* stopfe. Und natürlich werde ich dann noch ein Paar Socken mehr dazu werfen und weil es so schön ist, doch noch das gestern aussortierte 5 T-Shirt.
Und vielleicht noch einen zweiten Zeichenblock (obwohl ich weiß, dass mich Luxi nicht zum Zeichnen kommen lässt).

Und das alles wäre sinnlos gewesen, wäre mich nicht gerade noch siedendheiß eingefallen, dass ich meinen Online-Fahrschein vielleicht auch mal ausdrucken könnte.

Jedenfalls bin ich reisetauglich.

Und urlaubsreif.

Nach den wunderbaren, erholsamen Tagen in Linz (deren pralinöse Nachwirkungen nur zu schnell verflogen sind) hatte ich zwei grenzwertige Wochen, die mich immer wieder an den Rand des Nachdenkens gebracht haben.
Sollte ich meine Aktivitäten beschränken?
Sollte ich weniger machen?

Morgens um halb Sechs, wenn man die letzte Weihnachtskarte das dritte Mal schreibt, weil in Sarah so viele Möglichkeiten sind, ein H unterzubringen, kommen solche Gedanken.

Vielleicht doch mal das Tanzen sein lassen, auch wenn man dann "seine Leute" (die unsozialen, kommunikationsscheuen Bestien...) nicht sieht?
Vielleicht das Spielen einschränken, auch wenn das erholsam, befreiend und entspannender Ausgleich ist?
Hätte man das mit dem Comic lassen sollen, weil es Zeit kostet und vermutlich wenig Ruhm bringt?
Vielleicht auf Briefe und E-Mails nicht reagieren?
Vielleicht keine Vorstandsarbeit machen, auch wenn man dem Verein mit Herzblut seit rund 20 Jahren angehört?
Sollte man Treffen, Kino- und Kulturbesuche lassen, weil man dann ....ja, was?

Mehr Zeit hat...

Aber wofür?

Um zu relaxen? Was ist relaxen eigentlich? Rumsitzen und Katzenstreicheln? Wohnung putzen?

Morgens kurz vor Sechs dreht das Hirn sich im eigenen Saft und versucht, die Lösung totzufallen, die Antwort auf alle Sinnfragen (die nicht immer 42 ist) zu produzieren.

Morgens um Neun auf der Post sieht man dann einen Stapel ordentlich braun gewandeter Päckles ( (c) Gracey) und möchte nichts von all dem missen, was die Zeit so anfüllt. Man weiß, dass man diese fast schlaflose Nacht (der noch drei weitere folgen werden) bereuen wird, aber man möchte es nicht anders haben, weil die Intensität der Freude, wenn man sieht, wie die Weihnachtsgrüße sich auf den Weg machen, belebend, fast berauschend ist.
Weil diese Moment, oder die Spielmoment, oder die Momente, wenn man sich vergisst getragen von pulsierender Musik, oder die Befriedigung, wenn auf Papier etwas zum Leben erwacht ist, einfach bedeuten, dass meine Zeit genutzt wird, dass sie nicht einfach nur vergeht oder vertrieben worden ist.
Oder wenn Weihnachtskarten eintrudeln, wo ich einen Moment überlegen muss ... wer ist das noch? Und die dann so liebe Worte enthalten, dass ich echt rotwerde. Oder aus denen Sterne fallen. Oder die glitzern.

Ich glaube schon, dass meine Art zu leben nicht schlecht ist. Ich muss nur aufpassen, dass ich niemanden vor den Kopf stoße (wie ich es schon mehr als einmal gemacht habe), weil ich mit den Gedanken schon oder noch wo anders bin, weil mein Kopf eben manchmal zu klein ist für die Dinge, die ich an Terminen und Gefühlen hineinräume.
Und dass ich etwas mehr schlafe :-)

Denn neben einem Privatmenschen bin ich auch jemand, der 40 Stunden die Woche arbeitet. Ich merke, dass es Leute gibt (und ich weiß, ich bin nicht die einzige, die diese Erfahrung gemacht hat), die so etwas nicht erfassen können. Die nicht wissen, wie man sich fühlt, wenn man den vierten und den fünften Tag die Woche nach acht Stunden Konzentration und Verantwortung nach Hause kommt - und dann einen Ausgleich haben möchte und muss. Und dieser Ausgleich ist für mich eben nicht Fernsehen und ... naja, Fernsehen.

Ich bin eigentlich ziemlich glücklich mit meinem Leben. Es wäre noch schöner, wenn der Tag 26 Stunden hätte, aber wenn das nicht geht, bin ich auch so zufrieden.

Diese Zufriedenheit wünsche ich euch auch zu Weihnachten.

Und damit die Zeit demnächst noch weiter reicht für Unsinn, Kreativität, Kommunikation und überhaupt alles so, habe ich mir zu Weihnachten einen Stempel geschenkt. Ich dachte, für 4 Euro wäre das ein nettes Geschenk.

Also ... seid gewarnt, demnächst werdet ihr abgestempelt - aber erst nächstes Jahr.

Also ... Frohes Fest und Guten Rutsch. ' hab euch lieb.

*Das mit dem Handgepäck ist ehrlich gemeint. Mein Koffer ginge noch als Handgepäck durch. Mehr weigere ich mich für 5 Tage mitzunehmen. Bin ich ein Mädchen oder was?
Tags: leben, rollenspiel
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