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Zorn
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Stadtstreicher.


Der erste, der starb, war ein 22 jähriger mit Migrationshintergrund. Er starb während er die Scheibe einer Straßenbahn der Linie 16 zerkratzte, so genanntes Scratching betrieb.
Er wurde aus nächster Nähe erschossen, direkt in den Kopf und die sofort gebildete Sonderkommission “Ergan Gül” ging von einem Bandenverbrechen aus.

Viel später, als sich die Verdachtslage verändert hatte, versuchte man den Schriftzug zu rekonstruieren, den Ergan gekratzt hatte, aber die meisten Glasstücke waren schon längst von den Reinigungskräften beseitigt worden. Personen aus dem Umfeld des Opfers konnten jedoch berichten, was Ergan zu scratchen pflegte.



Was die Ermittler erst einmal als Durchbruch werteten, stellte sich am Ende als unwesentliches Detail heraus.


Vena Lichberg starb 4 Tage später. Auch sie hatte ihrem Mörder aus nächster Nähe ins Gesicht gesehen. Auch sie hatte das 9mm-Geschoss direkt zwischen die Augen empfangen und war sofort tot.
Sie wurde gegen 23 Uhr in der Nähe des Studentenviertels im Aufgang eines Vorortbahnhofes gefunden. Sie trug einen sonnengelben Batikrock, der als die Beamten eintrafen, bis zu ihren Oberschenkeln hochgerutscht war, Ledersneakers, eine orange-braune Bluse im Ethnostil und hatte schulterlange, mittelbraune Haare. Neben ihr, vom Blut der Soziologiestudentin klebrig, lag ein Permanentmarker der Marke edding in XXL.
Die Polizei bildete die Sonderkommission “Bahnhof Süd”.

Vena hatte einen großen Freundeskreis. Zu ihrer Beerdigung in Paderborn reisten jedoch nur zwei Kommilitonen an, die mit ihr im gleichen Hauptseminar gesessen hatten. Einer dieser Beerdigungsgäste brachte die Polizei darauf, dass zwischen Vena, dem Permanentmarker und dem Jungfrauenzeichen an der Wand des Bahnhofes eine Verbindung bestand.



Recherchen der SoKo “Bahnhof Süd” ergaben, dass es im Umkreis des Viertels eine Vielzahl solcher Signaturen, fame tags genannt, gab, alle mit einem Permanentmarker der Marke Edding aufgemalt.

Eine Spur zum Täter ergab sich aus diesen Erkenntnissen nicht.


Ben Wellmer und Paul ‘Slyer’ Koch starben auf einem Acker zwischen Troisdorf und Sechtem.

Der Erntehelfer, Pawel Slicinzki, hatte die Toten morgens unterhalb eines neu angebrachten, unvollendeten Graffitis vor dem Gewächshaus entdeckt, das an das Feld seines Arbeitgebers, Josef ‘Jupp’ Walter, Gemüse aus ökologischem Anbau, angrenzte.



Ben lag mit dem Gesicht auf der Erde und blutete aus dem Rücken. Zwischen den Rippen war die Kugel vom Kaliber 9mm Parabellum von hinten ins Herz gedrungen. Paul starrte aus weit aufgerissenen Augen in den Himmel, in seiner Stirn klaffte ein Loch und durch die Austrittswunde im Hinterkopf waren Blut und Hirnmasse ausgetreten, die beim Eintreffen der Polizei bereits ins Erdreich gesickert waren.

Die beiden Jugendlichen hätten Skaterkleidung mit Baggypants, Schirmmützen und T-Shirts angesagter Label getragen, verkündete der Polizeisprecher auf der sofort einberufenen Pressekonferenz. Man müsse von einem Gewaltverbrechen ausgehen und würde eine Sonderkommission ins Leben rufen.
Die Akten der Sonderkommission “Gewächshaus” hielten fest, dass beim Eintreffen der Staatsmacht bereits Fliegen auf dem Leichen gesessen hätten, nachdem die Beamten auf den Notruf eines polnischen Erntehelfers hin angerückt waren.
Sie notierten auch die Farben der Spraydosen, die man im Umkreis von rund 3 Metern ( RAL 9017 Verkehrsschwarz, RAL 9010 Reinweiss 0,4 lt., RAL 6005 Moosgrün 0,4 lt., RAL 3000 Feuerrot 0,4 lt., RAL 1021 Rapsgelb 0,4 lt.) um die Leichen gefunden hatte und Fotos des Graffitis.

Weitere Fakten wurden nicht zu den Akten genommen, da die SoKo “Gewächshaus” genau wie die SoKo “Bahnhof Süd” mit der SoKo “Ergan Gül” zur Sonderkommission “Stadtstreicher” zusammen gelegt wurde.
Tags: geschichte, kunst
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