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Zorn
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Leid

Cordula brachte den Satz in mein Leben. Ich war 19 und leicht zu beeindrucken. Ersteres bin ich inzwischen sogar zweimal, letzteres nicht mehr so sehr. Aber der Satz hat seine Faszination noch immer nicht verloren. „Erst wenn es richtig weh tut, ändert man was.“
Eine Weile habe ich auch mit der logischen Umkehrung experimentiert: „Wenn man nichts ändert, dann tut es auch nicht richtig weh“, aber da gab es pathologische Grenzfälle, denen ich damit nicht gerecht wurde.

Aber nach all den Jahren glaube ich noch immer, dass der Mensch kein Wesen ist, das von Natur aus nach Vervollkommnung oder auch nur Veränderung strebt. Ich auch (schon gar) nicht. Dafür muss es schon richtig weh tun.

Die Strategien, die gefahren werden, um im vertrauten Elend zu verharren, sind so bizarr, so phantasievoll, dass man allein mit der Energie, die dort verschwendet wird, die Welt zu einem besseren Ort machen könnte.

Wir belügen uns doch am besten selbst. Wir schlagen uns doch schon selbst ins Gesicht, nur damit andere es nicht tun müssen.

Wir haben uns noch nicht in der freien Wildbahn behauptet und halten uns schon für soweit, dass wir jede Kritik abschmettern. Zwar sind wir nicht fehlerfrei, nein, Gott bewahre, wir haben Fehler, aber diese sind so komplex, so einzigartig, dass sie ohnehin niemand beheben kann. Kritik nehmen wir nur von Bewundernden entgegen, die sie uns darbieten unter dem Absingen von Lobgesängen, damit wir nicht traurig seien.

Wir erfahren Kritik – und suchen schnell Leute, die dieser Kritik nicht zustimmen können. So wie die Rentnerin, die von Arzt zu Arzt pilgert, bis einer die genehme Diagnose gestellt hat. Dann können wir in Frage stellen, was sich da für ein Dolch durch die Kruste bohrt, aus der wir das Bild geformt haben, das wir der Welt zeigen.

Oh, wie verständlich, dass wir Bestätigung suchen. Oh, wie menschlich, dass wir Freunde suchen, die uns so lieben, wie wir sind – und den Mund halten.

Kein Wunder, dass wir die Nähe fürchten, wo die Maske fällt. Dann tut es vielleicht zu sehr weh, dann müsste wirklich damit begonnen werden, die Schichten abzutragen, die unser zartes Selbst schützen, um diesem milchweißen Ding zu begegnen, das zu sterben droht, wenn eines Menschen Auge auf es fällt.

Lieber drei Weight-Watchers Bücher im Schrank als eine Runde gejoggt.

Lieber einen guten Freund verloren als Gewohnheit aufgegeben.

Warum kann es nicht schmerzlos gehen?

Sah heute Cordulas Bild in einer alten Schachtel. Ob sie es wohl geschafft hat? Oder isst sie noch immer Nutella aus dem Glas und duscht mit 140 nackten Kilos neben dem Mann ihrer Begierde, um ihn zu entflammen?
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