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Verantwortung und freier Orgasmus



Ich hatte am Wochenende die Gelegenheit, sehr viele, sehr gute Gespräche zu führen. Sie gingen um ganz verschiedene Themen, aber das längste und das reichste ging um Ziele, Verantwortung und Liebe vs. Sexualität.
Es gab zwei Auslöser für dieses Gespräch, auch wenn es bei H. und mir selten große Auslöser braucht, bis wir uns in fruchtbaren Austausch begeben.
Der erste, offensichtliche Auslöser war eine Straßenbahn, auf der ein Aufkleber prangte zu Ehren des Einsteinjahres: “Wenn du ein glückliches Leben willst, verbinde es mit einem Ziel.”
Ziele ... Es ist so schwierig, diese zu definieren, für sich selbst zu finden.
Und ich stelle fest, ich fang an, zu urteilen über die Ziele anderer, über deren “Sinn im Leben”.
Das ist etwas, was mir wirklich nicht zusteht – welche Qualifikation dazu hätte ich schon, außer dass ich die 80`er ohne Fönfrisur überlebt habe?
Der zweite Auslöser war Catjas Aussage zur Sauna. Ich schlug ihr nach den anstrengenden Tagen auf der Arbeit vor zur Entspannung doch einmal in die Sauna zu gehen. Da seufzte sie und meinte, früher sei sie gerne in die Sauna gegangen, da hätte es bei ihnen in der Kante aber auch eine Sauna gegeben, in der drei Mal die Woche “Frauen-Sauna” war. Es folgte ein leicht bitteres Auflachen: “Und auch wenn man mich dafür heute für prüde und verklemmt hält, ich bin halt nicht gerne vor allen Leuten nackt – und ich muss auch nicht alle anderen nackt sehen.”
Ich habe Catja nicht für verklemmt gehalten, ich konnte sie verstehen. Und war diese Form von Privatheit nicht auch ihr gutes Recht?

Schon seit längerem fällt mir immer wieder der verkrampfte Zwang “locker zu sein” auf, der zu abstoßend unnatürlichen Auswüchsen führt. Mit der Zeit war es so eine Art Überdruck, der in meinem Kopf entstand, weil ich über viele Dinge, Aussagen und Aussprüche in den letzten Wochen nachgedacht hatte.

Verantwortung.
Spaß.
Sicherheit.
Liebe.
Fetischismus.
Freundschaft.
Sex.
Eine wilde Mischung, die da gärte – und gut, dass ich darüber reden konnte mit jemanden, der die Fähigkeit hat, Positionen neutral zu betrachten (wenn es sie nicht persönlich betrifft – oder es um Schuhe geht *g *).

Wenn ich mich frage, was die Zeit, in der ich jetzt lebe, von der Zeit unterscheidet, in der ich meine entscheidenden, unbewussten Prägungen erhalten habe vor zwanzig bis dreißig Jahren, so kann ich sagen: die Werte haben sich verschoben. Mir wurde noch vorgelebt, dass es wertvoll ist, Verantwortung zu übernehmen. Das Qualität vor Quantität geht. Das Sex etwas mit Gefühl und nicht nur mit Biologie zu tun hat. Und was Fetischismus ist, wusste ich gar nicht.

Wir wuchsen in der Zeit nach der Sexuellen Revolution auf, Yoko Ono und John Lennon hatten uns befreit, nackt war schön und nicht mehr bäh, Homosexualität war kein Straftatbestand mehr – und Aids hatten nur Mumien. Wir erreichten die Pubertät und unsere Eltern verließen antiautoritär das Zimmer, damit das Kind ausprobieren konnte, was Dr. Sommer als normal erklärte – für 15jährige. Ein bisschen ... Petting (nennt man das heute noch so – oder gibt es das schon gar nicht mehr?). Wir erlebten den Zauber eine großen Kraft, waren uns der Risiken (auch damals gab es schon Geschlechtskrankheiten) und der Verantwortung bewusst (ja, davon kann man schwanger werden).
Zudem arbeiteten wir uns auf unseren Schulabschluss und damit auf das Leben hin – begannen eine Lehre oder ein Studium. Beides sichere Wege zu einer Existenz. Und Norbert Blüm erklärte zudem: die Renten sind sicher.
Auch wir mussten Entscheidungen treffen, für und gegen. Wir hatten die Wahl zwischen einer Vielzahl von Berufen und Studien – und waren Zwängen von Elternhaus, Neigung und Ökonomie unterworfen. Aber wir hatten eine Perspektive.
Wir mussten nicht mehr heiraten – sondern konnten in wilder Ehe zusammen leben, das Zusammensein ausprobieren – und träumten von der erfüllenden, Geborgenheit gebenden Partnerschaft, die ein Leben lang hält – auch wenn man sie eine Weile suchen – und dafür arbeiten muss.
Berlin war für uns noch eine Insel im Osten und Amerika der große Bruder.
Und unsere Bäuche waren von den Kleidungsstücken, die wir “Oben rum” trugen, bedeckt, außer wir waren am Strand – und da sah man die Bäuche, nicht die Brüste.

Die Veränderungen kamen langsam. Es waren zuerst Nachrichten, die ich erst im Nachhinein einordnen kann. Meldungen über Autoritätsprobleme an Schulen, Kinder, die ihre Eltern schlugen, erhöhte Gewaltbereitschaft.
Dann war da Men-San, eine Zwölfjährige, der ich Nachhilfe gab, und die mich fragte, ob sie wirklich schon Sex haben müsse.
Da war der Markenfetischismus, der sich in meiner Schulzeit mit Lacoste und Esprit schon angedeutet hatte – und Nike für die Füße.

Das Internet schließlich machte einen Flächenbrand aus dem, was sich da andeutete: schneller, schöner, höher, weiter. Jung und erfolgreich.

Wer arbeitete für sein Geld, der war doch doof. Ist er doch, oder?
Mit ein bisschen organisieren, mit den richtigen Kontakten, mit dem richtigen, coolen Klamotten, da flog das Geld (die Dollars) doch wie von selbst in die Börse. Man war jung, war hipp, war berauscht. Und sexy.

Die Dot.com-Blase platzte, das ist Wirtschaftsgeschichte, aber die Menschen waren geprägt.

Brennen.
Karibik.
Alles mitnehmen.
Erleben.
Fühlen.

Aber da kam dann noch etwas anderes plötzlich auf: das Sicherheits-, das Kontrollbedürfnis. Keine Bindung, denn das bedeutete Aufgabe von Freiheit, von Individualität, das war Beschränkung.
Warum einen/eine unglücklich machen, wenn man so viele glücklich machen kann?
Warum sich festlegen, wenn um die Ecke vielleicht der ultimative Kick lauert – ob man es verdient hatte oder nicht – es stand einem doch mehr als alles zu – oder?
Jemand, dem ich mein Wort gegeben habe, jemand, für den ich ein Versprechen gegeben habe, der/die kann ein gewaltiger Klotz am Bein sein, der/die kann mich so gut kennen, dass er/sie mich wirklich vernichten kann. Was für ein Risiko! (Aber auch ... Was für eine Verheißung!)

Heute hat man bisweilen den Eindruck, dass kein Recht so vehement verteidigt wird wie das auf sofortigen Orgasmus, wo, wie, wann und mit wem auch immer. Und das meine ich nicht nur sexuell.

Ich gönne jedem seinen/ihre Orgasmus – aber wo bleiben die Nuancen? Was reizt uns noch, wenn der Höhepunkt zum Normalfall wird? Wie weit können wir die Hitze noch steigern? Wenn es mit einem/einer nicht reicht, dann brauch ich demnächst ... Drei, dann den Gangbang, dann die Paddel, die Peitsche, die Öffentlichkeit, die Todesgefahr – oder was? Und wieder meine ich das nicht nur sexuell.

Ich bedauere all die Menschen (und ich fürchte, ich klinge jetzt überheblich), die nie Sicherheit, die nie die Begrenztheit einer überschaubaren Welt erfahren haben. Ich bedauere all die, die vor lauter Angst, irgendetwas zu verpassen, wirklich alles verpassen, weil sie nirgends zur Ruhe kommen, da noch zwei weitere Parties auf sie warten.
Ich bedauere all die, die versuchen müssen, ohne Wurzeln zu fliegen.
Wäre ich noch im Gipsy-Modus würde ich sagen, ich bin von den strahlenden Lichtern fallender Sterne umgeben, wunderbar anzusehen in ihrem strahlenden Funkenflug - aber eigentlich ist jedes dieser verschwendeten Lichter - nur auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit, ins Nichts.

Ich verdrehe die Augen über: Kondensmilch in Servierkännchen aus Plastik, Mini-Quadrate von Rittersport, Knetteig aus dem Kühlregal, Nutella-Snack-Packs, Fix-Packungen für Standardgerichte, TV-Junkies, Big-Brother-Gucker, Zeittotschlager und Sammler, die nicht erleben, und Fotografen, die nicht sehen.

Es sich manchmal schwierig zu machen, kann eine Art spirituelle Therapie sein, ein privater Protest gegen die Vergötzung der Lustbefriedigung, der Oberflächlichkeit, der Verantwortungslosigkeit.
Denn es gibt auch die anderen: die um Worte kämpfen, um Wahrheit, um Tiefe, um Sinn und die bereit sind, loszulassen um anzukommen.

Menschen, egal ob alt oder jung, die ich bewundern kann, die mir Mut geben.

Denn auch das hat mir das Wochenende gezeigt: ich bin sicher ein Feigling – aber manchmal springe ich doch.

Und meine Laune ist so gut, dass ich hoffe, das Schicksal/Gott/die Götter sind wie ich der Meinung, dass ein kaputtes Fahrrad, ein überzogenes Konto und ein defekter Diskman als Dämpfer ausreichend sind - denn eigentlich ... feeling grooooovy!
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