Zorn (zorn) wrote,
Zorn
zorn

Bitter

Die Geschichte heißt entweder "Bitter" oder "Die Seherin"

Kritik? Vorschläge? Meinung? Rechtschreibfehler?



Die Brust wurde ihr eng, pfeifend ging der Atem.
Die Füße schmerzen bereits und die Beine waren schwer.
Mit offenem Mund saugte sie Luft ein, aber es erschien ihr, als ginge keiner der Atemzüge tiefer als bis zu dem Punkt, bis zu dem ihre schlaffen Brüste hingen.
Es war doch nur über den Hof gewesen und nun 5 Stockwerke empor. Es war doch wirklich nicht weit.
Dennoch lag sie schließlich mit der Schulter gegen die kaltklammen Steine des Mauerwerks gelehnt, und in ihrem so mächtig wirkenden Brustkorb rasselte es.
Und doch … doch übertönte dieses Geräusch nicht die Schreie, die durch die Fensteröffnungen ins Innere des Turmes drangen. Oder das Klirren der Waffen, das Brüllen der Tiere, die in ihren Stallungen abgeschlachtet wurden - oder verbrannten.
Die Geschichten, die man erzählte darüber, wie in Todesangst neue Kräfte frei würden, waren Lüge. Oder sie galten jedenfalls nicht für Frauen, die mehr wogen als ein preisgekröntes Schwein.
Schrill tönte ein Horn, kreischte ein, zwei Mal einen Alarm, dann verstummte es.
Wie all die anderen Geräusche der Schlacht.
Die Stille war furchtbarer als der Kriegslärm zuvor, umrahmte ihren pfeifenden Atem mit kalter Deutlichkeit. Ihr war, als spürte sie die Schwere ihrer Füße deutlicher nun.
Sie stieß sich eine Handbreit von der Mauer ab, taumelte weiter, bewegte die breiten Schenkel, die sich aneinander wundrieben, zerrte den Körper mit Griffen um den Handlauf weiter nach oben - und war endlich, endlich auf dem obersten Absatz angekommen.
Die Tür war nie abgeschlossen, als Zeichen dafür, dass jeder jederzeit zu ihr kommen könne, nun drückte sie den Riegel aus seiner Halterung nur durch ihr Gewicht, das gegen die Tür prallte.
Hektisch, während der Busen wogte, sah sie sich um.

Alles schien wie immer.
Aus dem Burghof klang wieder Geschrei nach oben, der Moment der Stille war längst vorbei.
Sie roch Rauch.
Warum war sie hier hinauf gelaufen?
Hier gab es keine Rettung.
Von hier gab es kein Entkommen für jemanden, der nicht fliegen konnte.
Nicht einmal ein Versteck gab es.
Außer vielleicht auf dem Dach!
Sie rannte hinauf auf den Balkon, sah die Mauer, die über der Brüstung des Balkon nur noch eine Manneslänge aufrage, bevor der Rand des Daches begann. Dort waren Balken, an denen man sich festhalten konnte, von denen aus sicher ein Weg auf die flach geneigte Fläche des Turmdaches führte.
Wo niemand sie suchen würde.
Von wo aus sie herabsteigen konnte, wenn das Morden und Schlachten vorbei war.

Sie schaffte es nicht einmal auf die Brüstung.
Ihre Fingernägel rissen oder klappten so weit um, dass das Nagelbett blutete, als sie es dennoch versuchte. Sie starrte auf ihr rotes Blut - und dann ging ihr Blick weiter, hinunter in den Hof. Leichen lagen dort. Sie sah den Sohn des Müllers dort, der heute Morgen so entschlossen sein Schwert in Empfang genommen hatte. Daneben lag die kleine Sonja, die neue Magd, sie war noch nicht tot, oder aber der Soldat zwischen ihren Beinen schändete eine Leiche.
Endlich, endlich konnte selbst sie, die Meisterin der Lügen, es nicht mehr leugnen. Sie waren besiegt. Es war vorbei.
Es war vorbei und sie würde die Konsequenzen tragen müssen.
Sie wollte das nicht.
In alter Gewohnheit erdachte sie zwei, drei Geschichten, in denen es Rettung für sie gab. In denen sie erwachte, es alles ein Traum war …
Aber es war vorbei, endlich vorbei, und sie konnte sich nicht einmal mehr selber glauben.
Nun, denn, dachte sie. Vielleicht sind Konsequenzen auch ein Erlebnis. Vielleicht ist es besser als immer wieder neue Geschichten erdenken, immer wieder Erklärungen ersinnen, immer und immer wieder zu lügen, vorzugeben.
Vielleicht ist die Wahrheit besser als die Müdigkeit, vielleicht ist der Tod besser als die Angst vor Entdeckung.

“Hier bist du!”
Sie unterdrückte den Drang, herumzufahren, tarnte die Überraschung mit einer langsamen, gesetzten Bewegung und stellte fest, dass ihre Atmung fast schon wieder normal ging.
“Ich habe auf dich gewartet”, behauptete sie und sah den Mann an, der auf den Balkon gestolpert war. Hemmit, der Herr der Burg, der Herr der Grafschaft, ihr Herr. Letzteres war er immer noch, die ersten beiden Titel hatte er aufgrund seiner fehlenden diplomatischen oder heerführerischen Qualitäten verspielt.
“Hör auf, hör endlich auf!”, schrie er sie an, stürzte die letzten Schritte auf sie zu: ein kaum durchschnittlich großer Mann mit schlechter Haltung, der auf einen Kollos von Frau zustürmte, die auf Beinen wie Säulen vor ihm aufragte, einen Kopf größer als er es war, vielleicht doppelt so schwer. So starb dieser Angriff schon, bevor er mit den erhobenen Fäusten auch nur den Versuch gemacht hatte, sie zu berühren.
“Du bist meine Seherin”, schluchzte er stattdessen auf, rieb sich mit den Händen über das Gesicht. “Du hast immer gesagt, dass mein Volk später einmal Hymnen über mich singen würde. Dass meine Regentschaft lange dauern und eine Zeit der Blüte sein würde.”
Sie nickte, wie sie immer nickte. “Ja, das habe ich und das meine ich auch so”, antworte sie wie sie immer antwortete.
“Aber … aber ….”, brachte er erstickt hervor. “Sieh… sieh nach draußen. Wir sind … verloren…” verhallte sein Ausbruch in einem Wimmern.
“Es mag so scheinen”, entgegnete sie, drehte sich um, einen Moment dem Geschehen unten im Hof zu, um Zeit zu gewinnen, um eine Antwort zu formulieren. “Es mag so scheinen, aber …”
“Kein Aber!”, kreischte er. “Du redest dich raus! Du lügst mich an. Vermutlich kannst du gar nichts sehen, was in der Zukunft ist.” Er wagte immer noch nicht, Hand an sie zu legen, aber er richtete sich zu voller Größe auf. “Du hast auch gesagt, ich würde eine wirkliche Prinzessin ehelichen, eine Frau, von großer Schönheit und großer Kraft! Das passiert auch nicht mehr, ich werde … ich werde nämlich …” hier verebbte seine Stimme wieder, “… sterben.”
“Nein, das wirst du nicht!”, erklärte sie mit Nachdruck. Mit Überzeugung. Ihre Stimme, das einzig wirklich schöne an ihr, umwob ihn, fing ihn ein, verführte ihn. “Nein, das wirst du nicht. Denn ich weiß jetzt, wie es werden wird!”
Ihre Augen schienen zu brennen, als sie noch einmal all die Register zog, die sie die letzten Jahre so virtuos gespielt hatte. “Ich weiß, warum ich nie genau sagen konnte, wann diese Prinzessin kommt, warum ich mich dabei so oft geirrt hatte. Weil ich unter diesem Grauen, was nun herrscht, diese Freude nicht habe erkennen können. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie aus so etwas noch etwas gutes werden könnte.”
Für einen Moment wirkte der alte Zauber, für einen Augenblick glaubte Hemmit. Dann fand er den Fehler unter dieser klebrigen Schicht der süßen Worte. “Wenn du das hier gesehen hast, warum hast du dann nie etwas gesagt davon? Warum waren wir dann unvorbereitet?”
Sie war so viele Jahre seine Seherin gewesen, zu lange, um jetzt keine Antwort zu wissen. “Weil es unwichtig ist. Ja, für den Moment mag es grausam erscheinen, aber am Ende ist es nur eine Episode.” Nur nicht für den Müllersohn und für Sonja auch nicht… “Es wirkt jetzt schlimmer als es scheint. Und es wird bald zu Ende sein. Denn dies ist die Stunde, da deine Prinzessin kommt.”
Der Graf starrte sie an.
“Sie kommt, um dich zu retten. Sie ist eine Feindin von Furus, sie ahnt noch nichts davon, dass der Feind ihres Feindes, dem sie zur Hilfe kommt, der Mann ist, der ihr Herz heilen und erobern wird.”
Er glaubte ihr, weil er glauben wollte, weil er Leben wollte. “Sie kommt? Sie wird mich retten?”
Mit aller Überzeugung, die sie darstellen konnte, nickte die Seherin.
“Du weißt, wie leicht sich das nachprüfen lassen wird?”, fragte der Graf tonlos. “Willst du nicht lieber sagen, dass du gelogen hast? Dass es vorbei ist?”
“Niemals.”
Es war niemals vorbei …
“Ich weiß nicht, ob ich dir glauben kann.”
“Du musst mir nicht glauben, du kannst dich überzeugen, mit eigenen Augen!”, meinte sie, strahlte ihn an.
“Ich kann mich überzeugen?”, fragte er fassungslos und wirklich hatte er für den Moment vergessen, dass er seit Wochen jedes Gefecht gegen die Truppen von Herzog Furus verloren hatte, dass sein Heer kaum noch aus 100 Mann bestand.
“Ja. Sieh!”

Sie drehte sich etwas, hob den Arm und deutete zum Horizont, wo sich Wald und Wolken berührten.
Er sah, aber erst einmal sah er sie an, und die Liebe, mit der er seine Seherin früher immer angesehen hatte, und in deren Spiegel sie fast gelernt hatte mit sich zu leben, war für einen Moment wieder auf seinem Gesicht zu erkennen, bevor er an die Brüstung trat, und zum Horizont blickte.
Wald und Wolken berührten sich dort in einem nebligen Dunst an diesem kühlen Herbsttag. Kein Heer, kein Banner war zu sehen.
Sie war direkt hinter ihm und stieß.

Sie war wie ein Berg, wo er ein Schwächling war. Aber er war ein Mann und ihre Masse war Honigkuchen und Buttergemüse.
Er klammerte sich am Rand des Gemäuers fest, stemmte sich gegen ihren Druck, schaffte es, sich halb herumzudrehen. Enttäuscht, mehr noch als entsetzt oder ängstlich, starrte er sie an, griff er nach ihr.

Sie drückte und schob weiter, die Zähne gebleckt, Tränen in den Augen.

Er verlor den Halt, packte nur noch die Zierborte ihres Oberkleides - aber sie war ein Berg und er zog sie mit seinem Gewicht nicht nach unten, nicht, wie sie mit ihren Hüften im der Öffnung zwischen den Steinen der Brüstung stecken blieb.
Er fiel.

Sie sah ihm nach, bebend mit zerrissenem Kleid, starrte nach unten, auf seine zerschmetterte Gestalt.
Es war vorbei.
Endlich.

Schwer atmend drehte sie sich um - und hatte eine Schwertspitze vor dem Gesicht.
“Wo ist er?”, knurrte der große, bärtige Mann, den sie als Herzog Furus kannte.
“Tot”, antwortete sie heiser. “Er stürzte ab.”
“Warum?”, knurrte der Kriegsfürst.
“Er wollte mich hinunterstürzen, aber ich habe mich gewehrt”, antwortete sie und ihre Stimme wurde klarer, weicher und geschmeidiger. “Er wollte mich bestrafen für meine Voraussage eures Sieges, Herr, aber ich … ich war zu schwer.” Demütig schlug sie die Augen nieder.
“Du bist eine Seherin?”, fragte er.
“Ja, Herr”, entgegnete sie.
“Und du hast meinen Sieg voraus gesehen?”
“Ja, und euren weiteren Aufstieg.” An dieser Stelle hob sie den Blick wieder, sah ihn scheu und demütig, wenn nicht sogar mit einer Spur Bewunderung an.
Sein schmallippiger Mund verzog sich. “Meinen weiteren Aufstieg? So werde ich …?”
Er wagte es nicht auszusprechen, so wahrte sie seine Diskretion und nickte nur wortlos.
“Das höre ich gern, ich habe noch viel vor. Aber hier habe ich nichts mehr zu tun, wenn Hemmit tot ist - Zeit zu gehen. Und du kommst mit mir, Seherin!”
Sie nickte und folgte ihm, als er ging.
Es war nicht vorbei.
Es würde nie vorbei sein, nie enden.
Das konnte sogar sie sehen.
Tags: geschichte
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