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Zorn
zorn

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Trost

Der Herr Papa verspürt einen gewissen Drang und ruft den Knaben an seine Seite und meint jovial: "Junior, sei doch so lieb und hol dem Papa ein Bierchen aus dem Keller."

Und der Junior erstarrt. Keller denkt er, und denkt zugleich Spinnen, Dunkelheit, Modergeruch, knarrende Holzstiegen. Sein Puls rast, er spürt kalten Schweiß.

Und Herr Papa hat einen seltenen, fast unmännlichen Anfall von Empathie und erkennt, was passiert ist. Erinnert sich an die Spinnweben dort unten, das Licht, das er trotz Frau Mamas Bitten nicht installiert hat (bisher, nur bisher!). Also erhebt sich der Herr Papa und legt dem Filius die Hand auf die Schulter und spricht: "Du musst doch keine Angst haben!"



Und? Wie findet ihr den Spruch?

Klasse, hätte ich auch gesagt!

Gut, dass er gemerkt hat, was mit dem Jungen ist.

Was soll man sonst sagen?

Zusammen gefasst: findet ihr diese Ansage ... tröstlich?

Nach diesem Schwenk weg von der Ursprungsgeschichte einmal wieder zurück, mit einer weiteren Frage.

Wie findet das Kind den Spruch?

Der Junge, in dessen Hirn und dessen gesamten vegetativen System neurologische, bio-chemische Reaktionen ablaufen, in dessen Organismus nachweisbare Substanzen kreisen, der diese Angst auch nicht "haben muss", der sie einfach hat, der ein qualvolles, nicht genau greifbares Gefühl der Ohnmacht, der Ausweglosigkeit hat ... der hört den Vater sagen: wie du dich drauf bist, ist nicht okay.

Er fühlt sich nicht angenommen. Genauso gut hätte der Vater sagen können: den Pickel da auf der Nase, den musst du nicht haben - oder sogar: die Nase da, die musst du nicht haben.

Denn der Kleine HAT die Angst schon. Und er hat sie sich nicht ausgesucht. Hätte er es sich aussuchen können, dann hätte er gesagt: nein, brauch ich nicht, will ich nicht.

Und fühlt er sich getröstet?

Würdest du dich getröstet fühlen?

Ich würde mich nicht getröstet fühlen. Ich wäre vielleicht trotzig (dazu neige ich), würde meine Angst tief in mir vergraben, aber ich bin auch kein Kind mehr, ich weiß nicht, ob Kinder das tun können - und ob es ihnen gut tut, das weiß ich auch nicht.
Ich würde da hinunter gehen, weil mein Zorn meine Wut für den Moment auslöschen würde.
Ich würde vielleicht die Erfahrung machen, dass die Kellertreppe mich nicht verschlingt und die Spinnen nicht so groß sind wie Kankra (Shelob) ist und mir den Kopf abbeißt.
Aber ich wäre auch vorsichtig damit, das nächste Mal mit einer Angst, einem Kummer zu "Herrn Papa" zu kommen (nein, das geht jetzt nicht gegen Männer. Frauen sind genauso zu emotionalen Killerphrasen fähig). Warum sollte ich auch? Im besten Falle hätte ich meine "Ort-Angst" vor dem Keller mit einer "Sozial-Angst" vor der Enttäuschung, der Einsamkeit überdeckt.

Vielleicht ist das in Wirklichkeit ja gut.
Vielleicht ist eine Erziehung hin zu einem Menschen, der alles alleine kann, niemanden mehr braucht, niemandem mehr vertraut, der nichts mehr erwartet von anderen, ja sehr positiv.

Vielleicht.

Für mich nicht.


PS: dies sind theoretische Gedanken, ausgelöst durch einen Vortrag, viele Beobachtungen und haben nichts mit meiner realen Situation zu tun. Ich gehe jetzt glücklich Geldverschwenden.
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